Im Bauteil 5 – Jugendkultur, Respekt und Realität in Gütersloh

Wie ein Jugendtreff zeigt, was politisches Zuhören wirklich bedeutet. Ein Bericht über echte Beteiligung, Vertrauen – und warum die Stimme der Jugend dringend ins Rathaus gehört.

Ein Ort, der mehr ist als ein Treffpunkt

Als wir den Raum betreten, merken wir schnell: Das hier ist kein gewöhnlicher Jugendtreff. Es ist ein Ort, an dem sich Jugendliche sicher fühlen können und gleichzeitig Raum finden, um sich auszuprobieren, Verantwortung zu übernehmen, laut oder leise zu sein. Unser Besuch dort ist beeindruckend, intensiv, herausfordernd, inspirierend.

Jugendliche brauchen Raum – und echtes Vertrauen

Die Begegnung beginnt verhalten. Erst Stille, dann wache Blicke. Doch nach und nach kommen Gespräche in Gang, offen, ehrlich, oft berührend.

„Wir werden hier ernst genommen. Sara Aydin (die Einrichtungsleitung des Bauteil 5) ist immer für uns da!“, sagt ein Jugendlicher. Genau das ist spürbar: Vertrauen ist die Basis. Mit dieser Voraussetzung kommen im Gespräch mit uns auch schwierige Themen auf den Tisch. Von fehlenden Freizeitmöglichkeiten über Erfahrungen mit Ausgrenzung und Gewalt bis hin zu Unsicherheiten im Umgang mit der Polizei: Die Jugendlichen zeigen Haltung. Und den Wunsch, gehört zu werden.

Ein Treffpunkt mit Haltung – nicht mit Stigma

Gute Jugendarbeit lebt von Vertrauen, nicht von Vorschriften. Das Team im Bauteil 5 arbeitet mit Professionalität und Herz – nahbar, engagiert, respektvoll. Die Atmosphäre ist offen und aufmerksam, mit einem liebevoll gepflegten Thekenbereich als sozialem Dreh- und Angelpunkt.

Platzmangel, fehlende Räume – und zu wenig Sichtbarkeit

Sport, Tanz, Musik – die Jugendlichen im Bauteil 5 sind aktiv. Doch es fehlt an Raum. Tanzgruppen müssen in das Atelier der Weberei ausweichen, weil der alte Raum zu klein war. Er ist jetzt ein Fitnessraum, so hat es der Jugendrat des Jugendtreffs demokratisch beschlossen. Für Fußball bleibt nur die Halle in Blankenhagen, und die ist ganz schön weit weg. Und die Skateranlage? Sie verwaist zunehmend, obwohl sie einmal ein Aushängeschild war. Ein Neubau ist trotz der Beschlüsse in mehreren Ausschüssen nicht in Sicht.

Mobilität: Wenn der Heimweg zur Hürde wird

Der Wegfall des Anrufsammeltaxis (AST) sei ein großer Einschnitt gewesen, erzählen die Jugendlichen. Viele kamen früher mit dem AST und dem Schülerticket sicher nach Hause, wenn ab 20 Uhr kein Bus mehr fuhr. Der Ersatz ist ein teures Shuttle mit PayPal-Zahlung. Für viele unerschwinglich. Sichere und einfache Mobilität darf aber kein Luxus sein, sondern ist Voraussetzung für Teilhabe. So wird die Erreichbarkeit des Bauteil 5 oder der Heimweg für die jüngeren Besuchenden zum Problem.

Gewalt, Drogen – und die Angst, sich zu erklären

Ein besonders intensiver Teil des Austausches dreht sich um Gewalt, Gruppenzwang und kriminelle Strukturen. Manche Jugendliche stehen unter Druck und reden nicht darüber. Anzeigen bleiben aus, aus Angst, Misstrauen, Scham. Im Gespräch mit uns entsteht eine Idee: Anonyme Meldestellen für Gewalterfahrungen, auf Augenhöhe begleitet von der Polizei. Mit Schutz statt Kontrolle.

Die Mehrheit der Jugendlichen hatte sich in ihrem Jugendrat gegen einen Besuch der Polizei in ihrem Jugendtreff, ihrem persönlichen Schutzraum, ausgesprochen. Partizipation heißt eben auch: Mitbestimmen, wer kommt – und wer nicht. Und das ist gut so.

Politisches Interesse und Demokratiebildung

Ein junger Mann fragte besonders interessiert nach Politik. Ob er dranbleibt, ist offen. Aber er hat zugehört. Das zählt.

Der Jugendrat im Bauteil 5 ist paritätisch besetzt mit je 5 jungen Frauen und Männern. Sie entscheiden mit, setzen Themen, organisieren. Vielleicht ein guter Anfang für mehr. Denn Politik beginnt dort, wo Menschen mitgestalten können.

Offene Fragen, kreative Lösungen

Wir haben auch über strukturelle Herausforderungen gesprochen: Stellen sind vakant (siehe Stellenausschreibungen für Bufdis und Sozialarbeiter*innen im Anerkennungsjahr für den Bauteil 5 (https://www.guetersloh.de/de/rathaus/interamt.php), es gibt viele Personalwechsel. Aber: Die jungen Erwachsenen fühlen sich dem Bauteil 5 verbunden, einige möchten Soziale Arbeit studieren – und kommen wieder. 

Und dann ist da noch die rumänische Großfamilie, die den Außenbereich nutzt, wenn der Treff geschlossen ist. Die Jugendlichen beklagen Müll, Ruhestörung, Rücksichtslosigkeit und die Vereinnahmung ihrer Räume. Städtische Lösungen? Bisher Fehlanzeige. Vielleicht braucht es mehr Kontrolle, aber auch gemeinsame Projekte und echte Begegnung.

Räume wie Bauteil 5 sind politisch – im besten Sinne

Bauteil 5 ist ein Ort der Jugend. Aber auch ein Ort der Realität. Er zeigt, wo unsere Stadt besser werden kann und muss: bei der Mobilität, bei Freizeitangeboten, beim Schutz vor Gewalt, bei echter Beteiligung. Wir dürfen nicht nur über Jugendliche reden – wir müssen mit ihnen reden. 

Du willst was verändern? Dann bring dich ein!

Solche Begegnungen zeigen, wie wichtig politisches Engagement vor Ort ist.

Ob in deinem Stadtteil, im Verein, im Jugendrat deines Treffs, im Jugendparlament, im Rathaus oder in einer demokratischen Partei. Und natürlich bei uns: Deine Stimme zählt.
Wenn du Lust hast, mitzureden, mitzugestalten und mitzuentscheiden, dann melde dich!
Denn Demokratie lebt davon, dass wir uns zeigen, zuhören und gemeinsam etwas bewegen.

Zu Besuch im Bauteil 5 waren: 
Simone Hanneforth, Sara Pérez de Siles und Ines Böhm (Ratsmitglieder und Vertretende im Jugendhilfeausschuss)
Ilyas Istik (Grüne Jugend)
Dietlind Sander (Grünes Mitglied)